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Mami, Papi & ich
Alzenau / Aschaffenburg / Miltenberg

"Mami, Papi & ich" ist eine kostenlose Informations- und Kommunikationsplattform für Familien mit Kindern bis zum Ende des Grundschulalters bzw. bis zum Übertritt auf weiterführende Schulen. Die Familienzeitung erscheint alle zwei Monate in den Landkreisen Aschaffenburg und Miltenberg, der Stadt Aschaffenburg sowie Teilen der Landkreise Darmstadt-Dieburg und Offenbach. Konzipiert und gestaltet wurde "Mami, Papi & ich" von Petra Wegmann und Björn Gallinge aus dem Bedürfnis heraus, regionale Informationen für Familien zu bündeln, sie kostenlos zugänglich zu machen und damit eine Lücke zu schließen zwischen den zahlreichen überregionalen Familienmagazinen. Die erste Ausgabe wurde Ende November 2003 noch in einer Auflage von rund 11.000 Exemplaren in etwa 150 Auslagestellen gebracht. Mittlerweile werden 20.000 Exemplare über weit mehr als 400 Auslagestellen flächendeckend in der Region verteilt und begeistert gelesen. Mit Thomas und Regine Wassum sowie Susanne Völker ist das Redaktionsteam inzwischen auf fünf Personen angewachsen, dazu wird "Mami, Papi & ich" redaktionell von Fachleuten aus der Region sowie von freien Mitarbeitern unterstützt.
Mit unserer Zeitung und unserem Verlag setzen wir uns für ein breites Netzwerk für Familien ein. So haben wir am 21. Mai mit der "familienleben2006" den ersten regionalen Familientag mit großer Familienmesse in der Stadthalle Aschaffenburg veranstaltet, der mit über 4.000 begeisterten Besuchern ein voller Erfolg war und künftig jährlich stattfinden wird. Die "familienleben2007" ist für den 20. Mai 2007 in Kleinostheim bei Aschaffenburg geplant, erneut in Zusammenarbeit mit den regionalen Jugendämtern und weiteren öffentlichen Einrichtungen. Außerdem haben wir eine Kinoparty zum Weltkindertag als jährliche Veranstaltung etabliert und Anfang 2006 gemeinsam mit dem Kinderschutzbund Aschaffenburg eine Kinderredaktion ins Leben gerufen.
Durch unsere journalistische Arbeit entstand 2004 auch der Kontakt zu dem Alzenauer Autor Thomas Meßenzehl, dessen historischen Roman "Hexenfeuer" wir Ende 2005 veröffentlicht haben und der nun bereits in der zweiten Auflage vorliegt. Weitere Buchveröffentlichungen sind derzeit in Planung.

"Äußerst interessiert habe ich bisher alle Ausgaben dieser Zeitung gelesen. Das Konzept und die Inhalte haben mich absolut überzeugt..." (Roland Schwing, Landrat des Landkreises Miltenberg)

"Die Zeitung für die junge Familie hat ihren festen Platz in unserer bayerischen Untermainregion gefunden." (Dr. Ulrich Reuter, Landrat des Landkreises Aschaffenburg)

"Eine Zeitung, die Eltern informiert und der Öffentlichkeit die Themen und die Probleme der Familien (...) nahe bringt, ist hier eine sinnvolle Ergänzung." (Klaus Herzog, Oberbürgermeister der Stadt Aschaffenburg)

"Macht weiter so!" - "Ich bin froh, nun auch ‚hier auf dem Land' ihre Zeitung lesen zu können!" - "Finde ich toll, dass es diese Zeitung gibt." - "Ein großes Lob: Solch eine breit gefächerte Zeitschrift kostenlos herauszubringen!" - "Lesen macht jedes Mal großen Spaß und informiert!" - "Spitzen-Zeitschrift, weiter so!" (aus unserer Leserumfrage Ende 2005)

Webseite:
www.mami-papi-ich.de

 

Unser aktueller Artikel

Warum ein Schüler einen Amoklauf ankündigte
Tag 1 – Montag Vormittag

Eine Realschule im östlichen Kreis Offenbach. Christian K.* (Name von der Redaktion geändert) wird wie so oft gehänselt und beleidigt, mitten im Unterricht. Bis er sich nicht mehr anders zu helfen weiß und mit einem Stuhl auf seinen Mitschüler losgeht. Ein anderer Junge kennt das schon, er greift ein und kann ihn beruhigen, der Unterricht geht weiter. Auch die Hänseleien und Beleidigungen. Plötzlich aber springt Christian auf und schreit diesen einen Satz: "Wenn du jetzt nicht endlich aufhörst, kann es passieren, dass hier jemand Amok läuft!"

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Christian ist 14 Jahre alt, ein eher ruhiger, zurückhaltender Junge, der sich für Technik interessiert. Etwas pummelig und schwerfälliger vielleicht als andere, aber trotzdem ein hervorragender Schwimmer. Gerade hat er sein Rettungsschwimmerabzeichen in Bronze erworben, für das silberne Abzeichen ist er noch zu jung. Bei der DLRG trainiert er Kindergruppen, die Arbeit macht ihm viel Spaß.
Er trägt eine lässige blaue Jeans und einen Kapuzen-Pullover, wie viele Jungs in seinem Alter. Christian wirkt bedächtig, wenn er seine Umwelt aus wachen Augen heraus beobachtet. Glaubt man dem Mitarbeiter des Schulamts, dann sieht so ein typischer Amokläufer aus. Obwohl er nicht ein einziges Mal selbst mit ihm gesprochen hat.
Sein jähzorniges Verhalten, seine manchmal fast distanzierte Art passen einfach gut ins Raster. Dass er von klein auf eher ein Außenseiter war im Kindergarten und in der Schule. Und dass seine Eltern ihn erst kurz vor dieser Ankündigung im Schützenverein angemeldet hatten. Sein Schulverweis war schnell be­schlossen, eine Formsache. Und Sanktionen musste es ja auch geben. Für diejenigen dagegen, die ihn während des Unterrichts oder im Pausenhof ständig schikaniert hatten, hatte der Vorfall keine weiteren Konsequenzen. Wie auch für seine Mitschüler vor ein paar Jahren nicht, die nach dem Sportunterricht in seinem Beisein darüber abgestimmt hatten, ob Christian besser tot sei. Als seine Mutter davon erzählt, kommen ihr auch heute noch die Tränen.
Christian ist im östlichen Kreis Offenbach aufgewachsen, dort wohnt die Familie in einem Mehrfamilienhaus aus den 70er Jahren. Im Kindergarten fiel zunächst nur auf, dass er sich von den anderen Kindern oft fern hielt und nur zusah, z.B. wenn am Tisch gebastelt wurde. Weil er ungeschickt war und mehr Anleitung brauchte wurde er oft ausgelacht, gehänselt. Und er reagierte wie auch später meistens damit, sich einfach zurückzuziehen, wie seine Mutter erzählt.
Irgendwann erkannten die Erzieherinnen, dass er deutliche Defizite bei der Feinmotorik hatte, und empfahlen eine ergotherapeutische Förderung. Dort stellte man schließlich fest, dass Christian kein räumliches Sehvermögen besaß. Zu diesem Zeitpunkt war er bereits fünf Jahre alt und hatte alle U-Untersuchungen wie vorgesehen durchlaufen – ohne dass dort etwas aufgefallen wäre.

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Tag 1 – Montag Mittag.
Bei Familie K. klingelt das Telefon, der Schulleiter ist am Apparat: "Ihr Sohn hat einen Amoklauf vor." Mitschüler haben der Klassenleiterin von dem Vorfall erzählt. Einzelne von ihnen hatten immer weiter gestichelt, wen er denn als Ersten erschießen werde, und wo er überhaupt die Waffe besorgen wolle. Bis er schließlich eine ganze Geschichte zusammengesponnen hatte, bis ins kleinste Detail.
"Christian hat meine verheulten Augen gesehen und sofort alles abgestritten. Er wollte mir keine Sorgen machen", erzählt seine Mutter. Sie fahren gemeinsam in die Schule, versuchen die Befürchtungen auszuräumen, dass er es tatsächlich ernst gemeint haben könnte. Normalerweise müsse er die Polizei benachrichtigen, erklärt der Schulleiter. Er macht es nicht.

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Ergotherapie, Übungen zur Behebung der Sehschwäche – der Alltag der Familie drehte sich viel um das Thema "Defizit". Irgendwie bin ich anders, das wurde Christian zwangsläufig signalisiert. Schließlich wurde bei ihm auch noch eine auditive Wahrnehmungsstörung festgestellt, die zusätzliche Förderung und die Anschaffung teurer Geräte erforderte:
"Als andere mit der Playstation angefangen haben, hat er ständig Übungen gemacht", erzählt seine Mutter. Der Übergang in die Grundschule fiel im so zwar schwerer als den meisten, aber er kam zurecht. Bis zur 3. Klasse.
Christian war einfach etwas dicker als die meisten, kein Ballspieler, ein bisschen ungeschickt eben. Der Lehrer hatte wenig Autorität, wie seine Mutter sich erinnert, und so musste er im Sportunterricht viele Hänseleien über sich ergehen lassen. Irgendwann reagierte er auf die Provokationen seiner Mitschüler nur noch mit Aggressivität und Jähzorn. Womit er sich natürlich nur noch besser angreifbar machte. Schließlich eskalierte die Situation in der Umkleide in einer Abstimmung darüber, ob Christian besser tot sei. Kinder können durchaus grausam sein.
Konnte sein Sportlehrer ihn im Unterricht schon nicht schützen, so unterstützte er ihn doch auf der anderen Seite und vertraute ihm den "Containerdienst" an, die Herausgabe und Pflege der Spielgeräte während der Pausen. Christian war von dieser Aufgabe begeistert, die Anerkennung tat ihm gut. Und dennoch begann er wiederum, sich immer mehr zurückzuziehen und selbst auszuschließen, den anderen aus dem Weg zu gehen.

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Tag 2 – Dienstag Vormittag.
Mit der Klassenleiterin wird im Stuhlkreis über den Vorfall vom Vortag diskutiert, einige seiner Mitschüler nehmen Christian sogar offen in Schutz: "Dann lasst ihn doch auch endlich in Ruhe!" – "Da muss doch auch irgendjemand wieder einen Bock geschossen haben", habe auch ein Vater gesagt. Zwei Mütter machen sich bei der Schulleitung für einen Schulverweis stark, wie sich Christians Mutter erinnert, es gibt zwar Gerüchte in der Schule, aber offiziell dringt nichts nach außen. Mittlerweile ist auch das Schulamt informiert, Christian wird nach dem Stuhlkreis – und nachdem er zuvor eine Schulaufgabe ganz normal mitgeschrieben hat – nach Hause geschickt. Seine Mutter schreibt ihn zunächst krank, solange keine offizielle Befreiung vom Unterricht erfolgt ist. Dann erkundigt sie sich beim Jugendamt, wo es Ansprechpartner für solche Situationen gibt, und meldet sich bei einer Schulpsychologin, zu der sie bereits seit Mai Kontakt hat.

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Die Grundschule von Christian hatte eine sehr engagierte Schulleiterin, die schon viele Projekte in die Schule geholt und eine umfangreiche Nachmittagsbetreuung aufgebaut hat. Als er in die 4. Klasse versetzt wurde, besuchte er auf ihren Vorschlag hin die INSEL-Gruppe – ein Angebot der Caritas für Kinder mit unterschiedlichen Auffälligkeiten. Auch ein Kinder- und Jugendpsychologe hatte sich für eine Teilnahme an diesem Projekt ausgesprochen, ein AD(H)S-Test war negativ ausgefallen.
Bei INSEL arbeiten Sonderpädagogen, Lehrer und Eltern gemeinsam mit den Kindern an ihren Schwierigkeiten, aber auch an ihren Stärken. Die Klassenlehrer werden über die Eigenheiten, Defizite und Entwicklungen der Schüler informiert, um im Unterricht besser agieren und reagieren zu können. Auch Christian machte sehr gute Fortschritte, sein Verhalten verbesserte sich, er kam in seiner Klasse immer besser zurecht. Mobbing und Jähzorn waren erst einmal kein Thema mehr, die Situation entspannte sich, und Christian erhielt am Schuljahresende sogar die Empfehlung für die Realschule.
Doch dort herrschte erst einmal eine Art "Ausnahmezustand". Durch Krankheit bedingte häufige Lehrerwechsel und die bevorstehende Schulschließung belasteten das Kollegium sichtlich, wie Christians Mutter berichtet. Die Motivation, sich mit einem "schwierigen" Kind zu befassen, war entsprechend gering. Die Probleme kamen zurück, seine Mitschüler erkannten schnell seine Schwachstelle und nutzten die Möglichkeiten ihn zu provozieren konsequent aus. Wirklich zuständig fühlte sich niemand, Christians Probleme wurden mehr oder weniger auf seine Eltern abgeschoben, in der Klasse selbst wurde das Thema nicht weiter angegangen, erzählt seine Mutter.
Schließlich hoffte man nur noch auf eine Besserung durch den nach der Schulschließung zwangsläufigen Wechsel an eine andere Realschule – wobei man bewusst eine entfernter gelegene Schule aussuchte, um aus dem belasteten Klassenverband herauszukommen.

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Tag 4 – Donnerstag.
Christians Mutter hat einen Termin im Schulamt bei der zuständigen Schulpsychologin, die Tür zum Nebenzimmer steht auf. Dort hört ein Mitarbeiter des Schulamts mit, der Christian aufgrund dieses Gesprächs später als typischen Amokläufer einschätzen wird.
Die Bestrafung obliege dem Schulleiter, so die Schulpsychologin, davon unabhängig schlägt sie vor, Christian an eine andere Schule zu versetzen: "Wissen Sie, in Obertshausen gibt es einen Jugendpsychiater mit Anti-Mobbing-Gruppe." Warum habe sie der Mutter dann bei einem Gespräch nicht einmal zwei Monate vorher so vehement davon abgeraten, mit Christian genau zu diesem Psychiater zu gehen? "Sie hätten meine Empfehlung ja nicht annehmen müssen", lautet die Antwort. Es ist ein sehr emotionales Gespräch.

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Es war "mit Abstand die schlimmste Schule, die wir je hatten", konstatiert Christians Mutter heute. Nach dem Schulwechsel und dem dortigen Eintritt in die 6. Klasse begannen die Hänseleien und Schikanen erneut, und auch seine Aggressivität kam zurück.
Ein bald darauf aufgesuchter Kinder- und Jugendpsychiater empfahl ihm eine Musiktherapie, die Christian auch bis zum Sommer 2009 sehr genossen hat, aber: "Woran soll man Verbesserungen festmachen? Für die Schulprobleme hat es jedenfalls wenig gebracht", erzählt seine Mutter. Sie hat den Eindruck, die Schüler hätten Christians Jähzorn regelrecht ausgenutzt, um den Unterricht zu unterbrechen und anschließende lange Diskussionen zu provozieren. Seine Lehrerin jedenfalls habe nicht wirklich eingegriffen, keine Empfehlungen gegeben, das Problem letztlich wieder an die Eltern abgeschoben.
Natürlich ist Erziehung in erster Linie die Sache der Eltern, natürlich sind immer mindestens zwei Seiten an einem Streit beteiligt. Sicherlich ist auch Christian kein Engel, vielleicht hat ein manchmal eigenwilliges Verhalten auch die eine oder andere Hänselei "herausgefordert". Aber dennoch – machen es sich Lehrer nicht zu leicht, wenn sie die Situation in der Schule ständig wieder aufs Neue eskalieren lassen? Wenn sie sich nicht um die Hintergründe solcher Probleme kümmern?
Wurde die Situation mit Beginn des 7. Schuljahres und einer neuen Lehrerin zunächst besser, eskalierten die Probleme jedoch bis zum Halbjahr erneut. Christian wurde bespuckt, beschimpft, auf Zetteln beleidigt – auf denen die Urheber einmal sogar unterschrieben. Mal wurden die Vorfälle einfach ignoriert, mal wurde seiner Mutter von den Lehrern empfohlen, die Eltern der betreffenden Schüler selbst anzusprechen. Und: "Er muss lernen, das wegzustecken oder wegzuhören."
Ein Rat, der bei unter Gleichaltrigen üblichen Rangeleien wohl zutreffen mag, der bei Mobbing jedoch einen regelrechten Freifahrtschein be­deutet. Wie fühlt sich wohl ein Schüler, der tagtäglich Schikane und Beleidigungen ausgesetzt ist und genau weiß, dass ihm niemand hilft? "Keiner hat reagiert", sagt Christian. Einmal ist er deswegen aus dem Unterricht heraus direkt zum Schulleiter gegangen. Als dieser daraufhin in die Klasse kam, war tatsächlich Ruhe. Vorerst.
Im Januar 2009 waren Christians Eltern schließlich so weit, ihn von der Schule nehmen zu wollen. Grund war u.a. die Benotung seines Sozialverhaltens mit der Note "4" – ein K.O.-Kriterium bei der Suche nach Praktikumsplatz oder Ausbildungsstelle. Doch andere Realschulen hatten entweder Wartelisten oder sie lehnten Christian ganz einfach ab, nachdem seine Schwierigkeiten bekannt wur­den: "So etwas wollen wir hier nicht", erklärte ein Schulleiter ganz offen, so Christians Mutter.
Was ist "so etwas"? Immerhin geht es hier auch um die Zukunft eines Jugendlichen. Einen Jugendlichen, der jahrelangem Mobbing ausgesetzt ist. Und der ganz genau weiß, dass seine aggressive Reaktion und sein Jähzorn ihn auch nicht weiterbringen, aber: "In diesen Augenblicken weiß ich mir einfach nicht anders zu helfen." Und seltsam auch, dass es durchaus Lehrer gibt, mit denen Christian hervorragend zurecht kommt, die ihn von einer ganz anderen Seite kennen lernen. Wo er im Unterricht auch sehr engagiert ist.

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Tag 5 – Freitag.
Christian und seine Mutter haben einen Termin beim Jugendamt, wo er von allen Beteiligten als "nicht gefährlich" eingestuft wird. Später geht sie noch einmal in die Schule, um dort gemeinsam mit anderen Eltern eine Veranstaltung für das Wochenende vorzubereiten. Dass zu diesem Zeitpunkt gerade über die Konsequenzen des Vorfalls entschieden wird, erfährt sie erst Tage später.

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Nach dem gescheiterten Ver­such eines Schulwechsels nahm Christians Mutter im Februar 2009 schließlich Kontakt zur Beratungsstelle für Kinder und Jugendliche der Caritas auf, die der Familie bis heute zur Seite steht. Dann folgte im März auch endlich wieder einmal eine gute Nachricht: Christians Schule wurden Stundenkontingente im Rahmen der Erziehungshilfe zugewiesen.
Ab April 2009 fanden so mehrere Gespräche mit ihm während der Unterrichtszeit statt, dazu kam ein weiterer Termin gemeinsam mit seiner Mutter. Nach den guten Erfahrungen mit dem INSEL-Projekt in der Grundschule war nun die Hoffnung, hier doch noch eine ähnliche Zusammenarbeit zu erreichen, und bei einem gegen Christian besonders ausfälligen Mitschüler konnte auch tatsächlich erfolgreich eingegriffen werden. Außerdem wurde ein Stuhlkreis in seiner Schulklasse erwirkt, wo gemeinsam mit der Klassenleiterin offen über die Probleme geredet wurde.
Ein derber Rückschlag dann wiederum das Jahreszeugnis: Nachdem Christian in seiner Wut eine Lehrerin beleidigt hatte, wurde sein Sozialverhalten nun sogar mit einer glatten "5" bewertet. Obwohl er sich z.B. auf der anderen Seite begeistert in der Garten-AG engagiert hatte – und dort mit anderen Schülern und dem leitenden Lehrer sehr gut ausgekommen war. Auch sein Berufspraktikum zum Ende der 7. Klasse hatte er erfolgreich absolviert. Obwohl er doch ein so verhaltensauffälliger Schüler war?
Christians Mutter suchte nun jedenfalls als weitere Unterstützung den Kontakt zu einem Jugendpsychiater in Obertshausen, um das Problem des Mobbings und seine aggressiven Reaktionen darauf anzugehen. Wovon ihr jedoch die bereits im Mai eingeschaltete Schulpsychologin wiederum abriet – einen bereits für den 24. August verabredeten Termin sagte Christians Mutter daraufhin ab.
Dann kam der 21. September 2009, ein Montag. Tag 1.

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Tag 8 – Montag.
Christians Mutter erhält vom Schulleiter die Mitteilung, dass noch keine Entscheidung zu möglichen Sanktionen getroffen sei. Eine glatte Lüge, wie sich später herausstellt, denn bereits am Freitag war in einer Klassenkonferenz die Empfehlung zu einem Schulverweis ausgesprochen worden.

Tag 9 – Dienstag Abend.
Auf dem Elternabend wird einer Bekannten von Christians Mutter auf Nachfrage zu dem Vorfall erklärt, dass man ihm bei seiner Rückkehr an die Schule Hilfe anbieten werde. Von dem bereits beschlossenen Schulverweis ist keine Rede.

Tag 10 – Mittwoch.
Inzwischen hat Christians Großmutter einen Rechtsanwalt eingeschaltet, da sie größere Schwierigkeiten befürchtet. Und sie behält Recht: Die Schulleitung teilt nun endlich mit, dass ein Schulverweis empfohlen wird und die Sache bereits seit Montag beim Schulamt liege. Christians Mutter ruft daraufhin dort an und lässt sich mit der zuständigen Ansprechpartnerin, der Schulpsychologin, verbinden. Diese teilt Fa­milie K. am Telefon mit, dass eine Schule in Obertshau­sen Christian aufnehmen wer­­de und bereits alles in die Wege geleitet sei. Christians Mutter will sich damit jedoch nicht abfinden. Sie telefoniert mit einer Freundin, "heult ihr die Ohren voll" und wendet sich an das Schulamt im nahen Bayern. Endlich hat sie das Gefühl, dass ihr jemand wirklich zuhört: "Es hat jemand in einem ganz dunklen Tunnel ein Licht angezündet."

Tag 12 – Freitag.
Bei Gericht wird ein Eilantrag eingereicht, das Schulamt muss seine Entscheidung wegen Formfehlern zurücknehmen.

Tag 15 – Montag.
Es gibt eine Anhörung wegen eines möglichen Verbleibs an der alten Schule. Der Schulamtsmitarbeiter, der das Gespräch bei der Schulpsychologin durch die geöffnete Tür mit angehört hat, bezeichnet Christian als "typischen Amokläufer". Dennoch wird die Disziplinarmaßnahme zurückgenommen, es bleibt bei einer "pädagogischen Empfehlung" zum Schulwechsel.

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Mittlerweile besucht Christian eine Hauptschule in Bayern. Was seine bisherige Schullaufbahn betrifft, so ist sie natürlich detailliert in seiner Schulakte festgehalten, mit nicht unbedingt schmeichelhaften Einträgen zu seinem Verhalten. Aber: "Das liest sich alles sehr einseitig", habe seine neue Schulleiterin dazu bemerkt. Kein gutes Zeugnis und durchaus ein Indiz für das insgesamt mangelhafte Bemühen, Christian bei seinen Problemen zu unterstützen und die Ursachen für das Mobbing zu finden.

"Woran liegt es, dass dich die anderen schikaniert haben?" – "An meinem Aussehen." Christian ist pummelig. Einzelne sticheln, provozieren, vor allem die besonders "Coolen" wollen sich produzieren. In einem gewissen Rahmen ist das ja auch normal, und man muss natürlich lernen, sich mit anderen ohne Gewalt auseinanderzusetzen. Aber manche überschreiten diese Grenzen eben auch massiv, picken sich jemanden heraus, der aus irgendeinem Grund anders ist, scheinbar ein gutes Opfer abgibt.
"Und sie können sich das herausnehmen", wie Christian erzählt, "die Lehrer greifen fast nie ein". Dazu habe er das Gefühl, dass deren Eltern überhaupt nicht wüssten, was sie in der Schule anstellen. Sein einfacher Vorschlag: den Unterricht einmal versteckt filmen und den Eltern anschließend zeigen, was dort passiert.

"Warum läuft es an deiner neuen Schule besser?" – "Der Lehrer ist strenger." Und er sei fairer. Das gefalle ihm, auch dass hier nur 23 Schüler in der Klasse sind. Verfehlungen würden sofort angesprochen, und sie hätten sofort Konsequenzen, erzählt er. Das gebe Orientierung, und die sei für Kinder wichtig, meint auch seine Mutter. Freunde hat er auch schon gefunden.
Die Fächereinteilung ist eine andere als in Hessen, aber Christian hofft trotzdem, ohne Ehrenrunde den M-Zweig zu schaffen und dort seinen Realschulabschluss zu machen. Einen Praktikumsplatz hat er für dieses Schuljahr schon sicher – in der gleichen Firma wie im vergangenen Jahr.
Christians Mutter ist die Erleichterung deutlich anzumerken. Irgendwann hatte sie schon Bauchschmerzen, wenn das Telefon nur wegen eines entgangenen Anrufs geblinkt hat. Es könnte ja wieder etwas vorgefallen sein an der Schule.

"Wo bekommt man in solchen Situationen Unterstützung?" – "Die Familie ist das A und O." Die öffentlichen Stellen hörten zwar zu, sagt sie, aber es fehlten oft konkrete Hilfen. Durch private Anbieter erhalte man die Hilfen zwar jederzeit, aber das koste eben auch viel Geld. Bei der Erziehungsberatung dauert es inzwischen wiederum sehr lange, bis man überhaupt einen Termin bekommt.
Was nicht verwunderlich ist. Für den östlichen Kreis Offenbach wurde innerhalb weniger Jahre die Zahl der Planstellen im Bereich der Erziehungsberatung aufgrund einer Kürzung finanzieller Mittel mehr als halbiert – auf heute weniger als 3 Vollzeitstellen. Dieser Personalmangel alleine ist schon ein Skandal.
Was sich Christians Mutter wünsche? Auf jeden Fall mehr Schulsozialarbeit. Und weniger Schuldzuweisungen an die Eltern, statt dessen eine offene Zusammenarbeit mit den Lehrern und der Schule. Mehr Ansprechpartner für Eltern in den Beratungsstellen. Und eine Erziehungsberatung, die verstärkt direkt in die Schulen geht. So wie beim INSEL-Projekt. Denn Einzelkämpfer mit Ellbogenmentalität gebe es nach ihrer Ansicht viel zu viele, nur eine intensive und offene Zusammenarbeit könne bei Problemen helfen.
Dazu muss das Thema Mobbing aber auch endlich aktiv angesprochen und enttabuisiert werden. Erzieher und Lehrer müssen lernen, wo normale Rangeleien aufhören und Mobbing anfängt. Wie man eingreift und schlichtet, anstatt durch das bequemere Wegsehen oder Verharmlosen den eigentlichen Störenfrieden den Weg zu ebnen.
Und man muss endlich aufhören, sich der Opfer zu entledigen, wenn sie durch ihr Verhalten auffällig und unbequem geworden sind, nachdem man sie jahrelang einfach alleine gelassen hat. "In diesen Augenblicken weiß ich mir einfach nicht anders zu helfen." Dieser Satz tut weh. (Björn Gallinge)

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